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Hede Bühl

Bericht von Dr. Helmut Jaeschke, Bochum

Hede Bühl

Wer erstmalig den überlebensgroßen Skulpturen Hede Bühls im öffentlichen Raum begegnet, zum Beispiel der Granitfigur „Große Stehende“ vor dem Stadtmuseum Düsseldorf oder der gleichnamigen Bronze vor der Spielbank Bad Oeynhausen, der ist überwältigt von der monumentalen Kraft dieser Plastiken und er würde wohl kaum vermuten, dass eine Frau diese Figuren geschaffen hat.

Malerinnen haben seit der Renaissance in der Kunstgeschichte ihren festen Platz, aber Bildhauerinnen tauchen in einem Metier, das noch zu Zeiten Michelangelos als reines Handwerk galt und gegenüber der Malerei in der gesellschaftlichen Anerkennung zurückgeblieben war, nur selten auf. Erst im 19. Jahrhundert wagten sich Frauen in diese von Männern dominierte Disziplin, wurden dabei aber häufig von den Künstlerkollegen behindert. Bekanntestes Beispiel ist Camille Claudel, die jahrzehntelang im Schatten von Rodin gestanden hat und erst in jüngster Zeit als eigenständige Künstlerin gewürdigt wurde. Im 20. Jahrhundert gelang es Bildhauerinnen wie Barbara Hepworth oder Germaine Richter Akzente zu setzen, doch bleibt die Zahl der Bildhauerinnen gering. Während zeitgenössische Maler sich zunehmend mit der Skulptur beschäftigen (Baselitz, Lüpertz, Penck), fehlt eine ähnliche Entwicklung bei Künstlerinnen. Wenn diese skulptural arbeiten, handelt es sich fast nie um Skulpturen im eigentlichen Sinne, d.h. um die Technik des „Behauens“ und „Schnitzens“, sondern es geht um Rauminstallationen oder Architekturmodelle.

 Kopf (Fiore), Eisen, 2001

Hede Bühl nimmt daher eine Sonderstellung ein, weil sie Bildhauerin im klassischen Sinne ist, wenn sie mit Hammer und Meißel den Granitblock bearbeitet und so die darin verborgene, häufig in vorbereitenden Zeichnungen bereits gefundene Form des Kopfes oder der Statue herausschählt. Ebenso wie die convexen Formen der Köpfe und Körper sich auf zwanglose Weise aus dem bildhauerischen Arbeitsprozess am Stein- oder Holzblock ergeben, so bilden die vertikalen, horizontalen und diagonalen Bandformen und Spangen hierzu ein stabilisierendes formales Regulativ. Die Bänder und Einschnürungen sind folglich nicht als willkürliche von außen aufgesetzte Applikationen zu verstehen, sondern vielmehr als selbstverständliche konstituierende Bestandteile der Figuren.

Wächter, Bronze, 1975

Diese formale Bezogenheit hat inhaltliche Konsequenzen: die Figuren von Hede Bühl entziehen sich einseitiger Interpretation als gemarterte, der Gewalt ausgesetzte Kreaturen. Viel eher scheinen die Klammern und Bandagen eine den Figuren innewohnende Kraft zu bändigen, die für ihre idolhafte, übernatürliche Aura verantwortlich ist. Letztlich jedoch geben die Skulpturen ihr Geheimnis nicht preis. So bleiben viele Deutungsmöglichkeiten offen. Die Künstlerin selbst weist mit der häufig vorkommenden Titelgebung „Wächter“ darauf hin, dass ihre Figuren in einen größeren Sinneszusammenhang einzuordnen sind, der an archaische Grundmuster rührt.

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