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Magazine / Medizin + Kunst / Peter Schermuly

Peter Schermuly

von Prof. Dr. med. Karl Dietrich Hepp

Sein Schwabinger Atelier erinnert an Münchner Malerfürsten: das Licht aus dem großen Nordfenster fällt auf klassische Staffeleien, Leinwandstapel, Tische mit Paletten, Pinselgefäße, ja sogar ein Malstock ist darunter. Dazu ein dunkler chinesischer Paravent, ein Tischchen mit einem verwelkenden Strauß. Auf den ersten Blick wirken die Bilder selbst ebenso traditionell, unzeitgemäß, Stilleben aus vergangenen Epochen. Aber der flüchtige Eindruck täuscht, die Malerei erschließt sich erst nach genauerem Hinsehen, wenn Schritt für Schritt die Materialität der Formen und Farben hervortritt. Der Betrachter, an die heutigen plakativen Großformate gewöhnt, braucht Zeit, um sich auf die ungewöhnlichen Bildwerke einzustellen. Dieser Maler lässt sich nicht in die gängigen Kategorien zeitgenössischer Kunst einordnen. Dennoch wird er von vielen seiner Zeitgenossen bewundert und geschätzt, ähnlich wie Balthus, dem selbst Picasso hohe Anerkennung zollte. Schermuly gilt als „a painter’s painter“.

Akt mit gebräuntem Körper (Ausschnitt), 97 @ 130 cm

Das Geheimnis der Bilder ist ihre Entwicklung aus der Abstraktion. Schermuly, ein Schüler Otto Ritschls, hat sich nach langer Ausbildung als abstrakter Maler in den sechziger Jahren der gegenständlichen Malerei zugewandt und damit eine einsame künstlerische Position eingenommen, die sich erst in neuerer Zeit zu bestätigen schien. Er sieht die Gegenstände durch die Brille der Abstraktion und entwickelt aus dem Ungegenständlichen die für ihn charakteristische, eigentümliche Bildkomposition.

Der dunkle Stein, 81 x 100 cm

Manche Bilder, wie die im Korb eingesperrten Äpfel gehen ins Spielerische und Absurde und wollen auf diese Weise dem Geheimnis der Gegenstände auf die Spur kommen. Seine Portraits zeigen oft einen Hang zum Surrealen, vor allem in ihren überraschenden Hintergründen.

Äpfel und Birnen im Korb, 54 x 65 cm

Von großer farblicher Ausgewogenheit und voller rätselhafter Symbolik sind die Blumensträuße, wie der hier gezeigte Flieder mit Stein. Wer länger mit dem Maler spricht, wird dessen fundierte Kenntnis der Kunstgeschichte bewundern. Aus dieser Einsicht stammt  vor allem die differenzierte malerische Gestaltung von Oberflächen. Manchmal wetteifert er geradezu mit den Klassikern in der Darstellung des menschlichen Inkarnats wie bei dem Akt mit gebräuntem Körper. Es wäre aber verfehlt, ihn in die Nähe des Altmeisterlichen zu rücken. „Meine Bilder sind Phantasiebilder“ sagt Schermuly dazu. Oberfläche, Farbe und Struktur bestimmen auch das Bild Der Dunkle Stein, von dem ein eigenartiger suggestiver Reiz ausgeht. Von raffinierter Farbigkeit sind die Stilleben mit Kürbissen und die Äpfel und Birnen im Korb.

Flieder mit Steinen, 81 x 100 cm

Mit seinen subtilen Kompositionen von Gegenständen und Farben hat Schermuly ganz bewusst in Antithese zum kurzlebigen Kunstbetrieb gearbeitet. Keine prominenten Galeristen oder Seilschaften haben ihn ins Rampenlicht geholt, aber seine Bilder finden ihren sicheren Platz in internationalen Sammlungen. Große Retrospektiven wurden in der Tretjakow-Galerie in Moskau, im Russischen Museum St. Petersburg und im Hessischen Landesmuseum Wiesbaden gezeigt. Das Irish Museum of Modern Art in Dublin hat ihn 1997 zusammen mit Meistern der klassischen Moderne in der bedeutenden Ausstellung „The Pursuit of Painting“ präsentiert. Vielleicht ist es auch an der Zeit, diesen besonderen Maler nicht als Außenseiter, sondern als Teil einer Avantgarde zu sehen, die sich heute immer mehr dem Gegenstand zuwendet.

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