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Magazine / Medizin + Kunst / Martha Walter

Martha Walter

Bericht von Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Gerd Plewig

Menschenschicksale zwischen Angst und Hoffnung
Auf der Suche einer neuen Welt

Auch heute noch ist die Ankunft in der Neuen Welt ein prickelndes Erlebnis. Dabei ist nicht das Hinüberkatapultiertwerden in einem Düsenflugzeug steril, pünktlich, unpersönlich, sondern die Dampferüberfahrt auf dem Nordatlantik gemeint. Wenn nach Tagen auf See das Schiff sich langsam New York nähert und mit der verschwindenden Nacht das angehende fahle Tageslicht von Osten her auf die Küste von New Yersey fällt, Manhattan noch im Dunst liegt und der Schiffskörper sich ganz nahe an der Freiheitsstatue vorbeischiebt, plötzlich die kubistische Silhouette von Manhattan auftaucht, geht mir ein Prickeln über die Haut. Die Freiheitsstatue ist eines der bekanntesten Symbole der Welt geworden und verkörperte um das ausgehende 19. und frühe 20. Jahrhundert für Millionen Einwanderer aus der Alten Welt das Ende von Angst und den Beginn der Hoffnung.

Meat Market, Douarnenez, Öl auf Künstlerkarton, 36 x 46 cm, 1921

Fredéric-Auguste Bartholdis aus Colmar im Elsass, Schöpfer der Freiheitsstatue, starb 1904. Zu dieser Zeit begann die stille Karriere einer bedeutenden amerikanischen Malerin aus Philadelphia: Martha Walter. 1875 in Philadelphia geboren, belegte sie in ihrer Heimatstadt und in New York Malklassen, William Meritt Chase, berühmtester Lehrer seiner Zeit in der Neuen Welt, erteilte ihr Unterricht. Mehr als zehn Jahre Europaaufenthalt in Mittelmeerländern, vor allem aber in Paris, – ungewöhnlich für eine Frau in der damaligen Zeit –, öffneten ihren Blick, beeinflussten Farbe und Sujet. Vornehmlich ist ihr Oeuvre impressionistisch. Mit Beginn des ersten Weltkrieges kehrte sie nach Philadelphia zurück, um sich in den 20iger Jahren nochmals nach Europa zu begeben. Schließlich kehrte sie in ihre geliebte Stadt Philadelphia zurück und verblieb dort unverheiratet bis zum 100. Lebensjahr.
Zauberhafte Kinderportraits, farbenfrohe, Wind- und Licht-durchflutete Strandszenen von der Atlantikküste in New Yersey und eine reiche Palette von Menschen, festgehalten in der Alten Welt und in Nordafrika, sind ihre Themen. Ausstellungen seit der Jahrhundertwende, besonders aber in den 20iger Jahren in  Paris und in vielen Metropolen der USA, zeugen von der Anerkennung als Malerin und Frau in der Gilde der Künstler. Permanente Bilder finden sich heute im Louvre, Musée Du Luxembourg, Pennsylvania Academy Of The Fine Arts, The Art Institute of Chicago, Detroit Institute Of Arts, Milwaukee Art Center, Doldeo Museum Of Art. Das Woodmere Art Museum in Philadelphia zeigte 2002 eine umfassende Ausstellung mit 149 ihrer Gemälde, superb präsentiert in einem aufwändigen Ausstellungskatalog.

Café Fez, Moroces, Öl auf Künstlerkarton, 36 x 46 cm

Vor Jahrzehnten begegnete ich in Museen, Galerien und im Freundeskreis in Philadelphia dieser so bescheiden gebliebenen Malerin. Besonders lebhaft blieb das Thema der ausgezehrten, ärmlichen, ängstlichen Auswanderer der Alten Welt bei mir haften. Welche Schicksale bewogen die Menschen, vor allem Kinder und Waisenkinder, Osteuropa und die Mittelmeerländer zu verlassen? Wir wissen es nicht im Einzelnen. Getrieben hat sie alle die Verzweiflung wegen widriger Umstände in der alten Heimat und die Hoffnung auf ein neues Leben in der Schönen Neuen Welt. Mit der Ankunft in New York und nach Hunger, Seekrankheit und körperlichen Strapazen auf den überfrachteten Auswanderschiffen begann neues Bangen. Alle Einwanderer wurden zunächst auf der kleinen Insel Ellis Island interniert, um zu erfahren, ob der Eintritt in das gelobte Land erlaubt oder der bittere Rücktransport bevorstand. Männer wurden von Frauen getrennt, alleinstehende Kinder klammerten sich ängstlich an erwachsene Frauen. Waisen wussten nicht, wie das Leben für sie weitergehen sollte.
Diese Stimmung hat Martha Walter treffend und herzerweichend festgehalten. 1922 nahm sie täglich die Fähre von Manhattan nach Ellis Island, und schuf einen Bilderzyklus von 55 Werken in diesem Internierungslager, wo Menschen wochen- ja monatelang bis zu einer Emigrationsentscheidung ausharren mussten. Viele Nationalitäten hat sie festgehalten: Jugoslawen, Ungarn, Tschechoslowaken, Italiener, Armenier, Spanier, Juden, Slawen. Martha Walter erinnert sich: Ich merkte, dass ich vor einer unmöglichen Aufgabe stand – 600 Menschen auf Bänken, dazu das schmutzige Gepäck und der fürchterliche Geruch....... All das konnte ich übersehen wegen der wunderbaren menschlichen Qualitäten und Fähigkeiten. So verbarrikadierte ich mich mit Bänken, damit man nicht auf mich trampelte -, aber alle waren gutmütig.
Große Teile des Immigrations-Zyklus von Martha Walter sind noch heute in einer Hand (Jims’s Antiques Fine Art Gallery, Lambertville) und gehen hoffentlich als permanente Sammlung entweder in das Immigrations-Museum von Ellis Island oder in eines der großen anderen amerikanischen Museen. Es wäre eine Hommage für viele Millionen Einwanderer, Menschenschicksale zwischen Angst und Hoffnung auf ein besseres Leben in einer besseren Neuen Welt, sozusagen die Aufbewahrung von Wurzeln und DNA von Menschen, die alles für Freiheit und Demokratie geben. Das Bild Czecks in Detention Room, Ellis Island, spricht für sich und zu uns.

Czecks in Detention Room, Ellis Island, Öl auf Künstlerkarton, 36 x 46 cm, 1922

In Douarnenez in der Bretagne fing sie Impressionen bäuerlicher Menschen auf. Die in den schweren dunkelfarbenen bretonischen Trachten gekleideten Frauen mit dem hellen Weiß der Kopfhauben und der saftig-roten leckeren aufgehängten Schinken auf dem Wochenmarkt zeichnen ein Bild der Erdverbundenheit dieser Bevölkerung. Man vernimmt förmlich das Geschnatter der Alten und spürt den Duft des Geräucherten geradezu in der Nase.
Mit Schwierigkeiten war das Reisen in der damaligen Zeit für eine allein stehende Frau in das heiße Nordafrika verbunden. Mar­tha Walter taucht hier unter im arabischen Leben, dieses Mal in der Männerwelt. Menschen mit pechschwarzen Gesichtern, farbigen Burnussen und Fezen hocken im Café Fez unter schattigen Palmen.

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