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Modernstes Faktorpräparat mit maximierter Pathogensicherheit

Für Hämophile unter 6 Jahren zugelassen

von Rainer H. Bubenzer

Die Hämophilie führte – bis zum systematischen Einsatz von Plasmaprodukten ab Ende der 60er Jahre – bei den meisten Blutern vorzeitig zum Tode. Doch so wirkungsvoll die damals dann eingeführten Produkte aus angereicherten Gerinnungsfaktoren (z. B. mittels Kryopräzipitation aus Plasma hergestellt) auch Blutungen vorbeugen oder stoppen konnten, wurden sie in den 80er Jahren trotzdem für viele Hämophile zur tödlichen Falle: Tausende verstarben an Aids oder den Folgen einer Hepatitis, deren Erreger durch Plasmaprodukte übertragen wurden. Trotz neuer, hochkarätiger Reinigungs- und Virusinaktivierungsmethoden ist die Angst vor Infektionen bei Hämophilen, den Familien hämophiler Kinder oder ihren behandelnden Ärzten bis heute nicht ganz gewichen. Nicht zuletzt, weil vor einigen Jahren der Verdacht aufkam, dass über Blutprodukte auch die Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK) übertragen werden könne. Das modernste, jetzt auch für Kinder unter 6 Jahren zugelassene Faktor-Präparat schließt solche potentiellen Infektionsgefahren praktisch aus.
Das den klassischen Plasmaprodukten inhärente Infektionspotential war ein wesentlicher Motor, die Entwicklung von Gerinnungsfaktor-Präparaten mit Hochdruck voranzutreiben. Während bei der biotechnologischen Herstellung ab Ende der 80er Jahre anfänglich noch nicht ganz auf Spenderblut verzichtet werden konnte, wird das neueste Präparat (Advate®, Octocog Alfa rekombinanter Gerinnungsfaktor VIII) vollständig ohne Zusätze menschlichen oder tierischen Ursprungs hergestellt. Damit ist ein bislang unübertroffenes Maß an Sicherheit erreicht worden.
Der Blick auf die verschiedenen Herstellungsprozesse von rekombinanten Faktor VIII-Präparaten macht die großen Entwicklungsschritte im Interesse der Anwendungssicherheit deutlich. Bei der „ersten Generation“ wurde in allen  Produktionsstufen noch Albumin verwendet. Z. B. als Nährmedium für die verwendeten Zelllinien, die Faktor VIII produzieren, oder als Stabilisator des empfindlichen Faktor VIII-Eiweißes. In der „zweiten Generation“ kommen Plasmaproteine menschlichen oder tierischen Ursprungs nur noch bei dem Zellkultur-Prozess zum Einsatz. In der neuesten „dritten Generation“ konnte die eingesetzte Zelllinie schließlich an ein Nährmedium angepasst werden, das keinerlei menschliche oder tierische Plasmaproteine mehr enthält. Selbst die Zellen, die die monoklonalen Antikörper zur Aufreinigung des neuen Präparates produzieren, wurden an das Wachstum in einer plasma- und albuminfreien Kultur angepasst. Kurzum, die Herstellung läuft jetzt vollständig plasmaproteinfrei ab.
Das neue Gerinnungsfaktor VIII-Präparat der dritten Generation ist als erstes und bislang einziges Produkt dieser Art seit Anfang 2004 zur Behandlung der Hämophilie A zugelassen. Anfang 2005 wurde es von der European Medicines Agency (EMEA) europaweit auch für Kinder unter 6 Jahren zugelassen. Die hierfür notwendige klinische Studie zeigte, dass das Präparat sowohl bei der Bedarfsbehandlung als auch der Primärprophylaxe der kleinen Patienten eine ausgezeichnete Wirksamkeit aufweist. Das neue Präparat wurde sehr gut vertragen und es wurde keine Hemmkörperbildung (Antikörperbildung gegen Faktor VIII) – eine mögliche Therapiekomplikation – beobachtet.

Hintergrund der aktuellen Forderung nach sicheren Faktor-Präparaten
Die Forderung nach maximal sicheren Faktor-Präparaten hat einen beunruhigenden Hintergrund: In den letzten Jahren sind etliche Fälle von varianter CJK (vCJK) aufgetreten, die zweifelsfrei durch Blutprodukte übertragen worden sind, vor allem in Großbritannien. Zudem haben dort und in anderen Ländern Personen Blut oder Plasma gespendet, die später an vCJK erkrankten. Während die britische Regierung deshalb schon 2003 eine vollständige Umstellung auf biotechnologisch hergestellte Faktor-Präparate beschlossen hat, reagierte die deutsche Regierung erst sehr viel später. Sie verfügte im April 2005, dass kein Spenderblut von im Vereinigten Königreich operierten oder transfundierten Personen mehr verwendet werden darf. Zudem müssen Hersteller von Blutprodukten in ihren Informationen darauf hinweisen, dass „im Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland über Einzelfälle berichtet wurde, in denen bei Empfängern von Transfusionen, deren Spender später an der varianten Creutzfeldt-Jakob Krankheit erkrankten, ebenfalls der ‚Erreger' (sogenannte Prionen) nachgewiesen wurde“ 1. Therapie-Empfehlungen z. B. für rekombinante Produkte werden jedoch nicht ausgesprochen. Eine maximale Virus- bzw. Pathogensicherheit ist auch deshalb ein besonderes Anliegen, weil heute ein Großteil der kindlichen und jugendlichen Bluter prophylaktisch, d. h. regelmäßig mit Gerinnungsfaktor-Präparaten substituiert wird.

1 Bekanntmachung über die Zulassung von Arzneimitteln - Abwehr von Arzneimittelrisiken - Maßnahme zur Risikovorsorge über die Zulassung und Registrierung von zellulären Blutprodukten und gefrorenem Frischplasma, Stufe II. 4. April 2005. Bundesanzeiger Nr. 85 vom 07. Mai 2005, S. 7128/7129 (http://www.pei.de/banz/2005/besch_vcjk_spenderaus.htm).

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