medicinebook.de

medicinebook - Medizinbuch - das Healthcareportal
Magazine / Medizinisch Juristische Nachrichten / Orientierungsloser Patient erfroren – Ärztin wegen fahrlässiger Tötung verurteilt !

Orientierungsloser Patient erfroren – Ärztin wegen fahrlässiger Tötung verurteilt !

6 Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung und 20.000,-- DM zugunsten der Kinderkrebshilfe als Bewährungsauflage

Ein Urteil, welches die Ärzteschaft klar in die Verantwortung nahm, hat das Amtsgericht Hannover in einer Strafsache gegen eine dreiundreißigjährige Augenärztin der Medizinischen Hochschule Hannover gefällt. Die entscheidende Richterin sah eine klare Verantwortung der Medizinerin für den Erfrierungstod eines Patienten, welchen sie für die Notaufnahme betreut hatte, dann aber trotz seiner Verwirrung entließ. 

Patient verlief sich
Das tragische Geschehen hatte sich wie folgt abgespielt: Die angeklagte Medizinerin verrichtete am Tatabend ihren Dienst für die Notaufnahme der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Opfer, ein 72jähriger Mann, wurde nach einem Sturz in die Notaufnahme der Klinik eingeliefert, von dort wurde er zur Angeklagten zwecks Versorgung gebracht. In dem Wartezimmer der Notaufnahme wartete die 71jährige Ehefrau des Opfers, die ansonsten dafür sorgte, dass ihr Mann sich nicht verirrt. Die Angeklagte schickte den Patienten, nach der Versorgung allein zurück von ihren ärztlichen Räumlichkeiten zur Notaufnahme. Doch er verirrte sich vollkommen auf dem Außengelände der Medizinischen Hochschule Hannover. In der Notaufnahme kam er nicht an. Am nächsten Morgen wurde er völlig ausgekühlt auf dem Außengelände der Medizinischen Hochschule gefunden. Er verstarb wenig später.

Staatsanwaltschaft forderte lediglich 10.000,-- DMGeldstrafe.
Die entscheidende Richterin verurteilte die Angeklagte zu 6 Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen fahrlässiger Tötung und gab der Angeklagten als Bewährungsauflage eine Geldbuße von 20.000,-- DM, zu zahlen an die Kinderkrebshilfe.
Die Richterin ging damit weit über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. Diese hatte zuerst einen Strafbefehl in Höhe von 7.000,-- DM beantragt, gegen den die Ärztin Einspruch eingelegt hatte. In der Hauptverhandlung beantragte die Staatsanwaltschaft 10.000,-- DM Geldstrafe.

Angeklagter fehlte nach Ansicht der Richterin die menschliche Regung zum Tod des Patienten !
Die Richterin begründete ihre harte Entscheidung damit, dass sie das Unrechtsbewußtsein der Angeklagten vermißt habe, darüber hinaus hätte die Medizinerin keinerlei Bedauern für den verstorbenen Patienten gezeigt und kein Wort des Mitgefühls für die Witwe geäußert. Dies wäre auch im Fall einer Unschuld der Ärztin ein Mindestmaß an Anstand gewesen. Statt dessen habe die Angeklagte von ihrem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch gemacht und nichts gesagt, dabei hätte ein Wort des Mitgefühls dieses Recht nicht unterhöhlt, sondern wäre lediglich ein Ausdruck der Erkenntnis der Tragik gewesen.
Die Richterin sah es weiter als gegeben an, dass die Ärztin aufgrund ihres medizinischen Wissens und der Obhutspflicht für den ihr anvertrauten Patienten diesen hätte niemals allein auf den Weg schicken dürfen. Hier hätte es mannigfaltige Möglichkeiten gegeben, den Patienten unbeschadet zurück zu seiner „Betreuungsperson“ zu bringen. 

Berufung wurde bereits eingelegt
Die Verurteilte hat bereits Berufung gegen das Urteil eingelegt, so dass die nächsthöhere Instanz entscheiden wird. Auch der Medizinische Vorstand der Medizinischen Hochschule Hannover hat angekündigt, den Fall jetzt hausintern zu prüfen.

Schlußbetrachtung
Die Verantwortung des behandelnden Arztes für seine Patienten ist in der Rechtsprechung schon lange manifestiert. Gerade bei geistig verwirrten Patienten besteht eine besondere Obhutspflicht, deren sich dennoch viele Mediziner nicht bewußt sind. Auch der Hausarzt macht sich strafbar, wenn er einen eindeutig geistig verwirrten Patienten unbetreut aus seiner Praxis entläßt und dieser zu Schaden kommt. Sowohl in Krankenhäusern, als auch in Praxen wird hier oft leichtfertig gehandelt, sei es aus Zeitnot oder weil der Widerstand der Patienten gefürchtet wird; kommt es zum Unglück, muss der behandelnde Arzt einstehen. Neben der strafrechtlichen Verantwortung besteht auch immer ein zivilrechtlicher Anspruch auf Schadenersatz, Schmerzensgeld etc.. Es kann also eine teure Angelegenheit werden, wenn hier ein Fehler gemacht wird.

Drucken Drucken | PDF PDF