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Zwischen Surrealismus und Hyperrealismus

Die Bilderwelt des belgischen Malers Roland Delcol Von Prof. Dr. med. Axel Hinrich Murken

Der Maler Roland Delcol gehört zu der Künstlergeneration, die sich nach dem Ausklingen des Surrealismus und des Taschismus in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts wieder der realistischen Darstellung zuwandte. Die Kluft, die die malerische Abstraktion zwischen Kunst und Alltag aufgerissen hatte, weckte in der ausklingenden Nachkriegszeit  das Bedürfnis, sich mit dem urbanen Umfeld und der neuen Prosperität, dem Konsum und Lifestyle, auseinander zu setzen. Im Gegensatz zu der bis dahin vorherrschenden spontanen Unmittelbarkeit des Informel und des abstrakten Expressionismus mit den für sie typischen psychischen Automatismen, sollte nun eine Kunst entstehen, die dem alltäglichen Lebensraum Gewicht und Bedeutung verlieh.

Die seit Ende der fünfziger Jahre aus Amerika kommende Pop-Art, die „ohne Illusion die Dinge selbst zu Wert kommen lassen wollte“ (Andy Warhol), spiegelte vor allem die Anbetung der westlichen Warenwelt und den damit verbundenen Hedonismus wider. Dagegen fanden europäische Künstler seit den sechziger Jahren mehr zu einem hyperrealistischen Stil, der auf der Tradition der Neuen Sachlichkeit und des Surrealismus der Vorkriegszeit aufbaute. Die Darstellungen dessen, was man optisch als Wirklichkeit erkennen wollte, überlagerten sich mit den in den neuen malerischen Konzepten von Freud entdeckten Sphären des Unbewussten, mit Träumen und Visionen. Künstler wie Salvador Dali, René Magritte oder Paul Delvaux hatten mit ihrer dem Surrealismus verpflichteten Malerei eine Bilderwelt voll Phantastik, Romantik geschaffen, die heute wieder mehr denn ja eine breite Akzeptanz findet. Daran knüpften seit Ende der sechziger Jahre vor allem Künstler im französischen Sprachraum in Brüssel und Paris an, und entwickelten daraus den „Nouveau Réalisme“ und den „Hyperrealismus“, der schließlich zur Postmoderne führen sollte.
Einer der eigenwilligsten Vertreter zwischen Hyperrealismus und dem heutigen postmodernen Pluralismus ist Roland Delcol. Er wurde 1942 in Brüssel geboren und hat dort nach dem Abitur bis 1971 ein sechsjähriges Studium an der Kunstakademie absolviert. Seit 1969 trat er in Belgien und Frankreich in zahlreichen Ausstellungen mit realistischen Bildnissen unbekleideter Frauen in die Öffentlichkeit, die ihn bald international bekannt machten. Die avantgardistische Galerie Isy Brachot mit Filialen in Paris und Brüssel, in der Delcol schon als akademischer Meisterschüler erstmals ausgestellt hatte, widmete ihm 1975 eine große Übersichts-Ausstellung, begleitet von einem eindrucksvollen Katalog.

Sans paroles (nach Rembrandt), Öl auf Leinwand, 40 x 80 cm, 2001

Es handelt sich bei seiner Malerei schon am Anfang seiner Maler-Karriere um Bilderzyklen, die, in meisterhafter fotorealistischer Manier, immer wieder um den nackten weiblichen Körper kreisen. Die Weltlichkeit ist letztlich; sie portraitiert seine Gemälde im Profil, in Ausschnitten, sowie in manierierten Haltungen und herausfordernden Gesten vor einem fast durchweg monochrom schwarzen Hintergrund. Delcol betont in seinen Frauenbildnissen ihre Formen von Busen und Schoß, Hüfte und Gesäß – ohne die individuellen Züge des Gesichtes mit seiner charakteristischen Mimik oder Gestik zu vernachlässigen. So behalten seine Frauenbildnisse ihre stolze Persönlichkeit. Damit setzt sich Delcol deutlich von der Kunst etwa eines Felicien Rops (1883-1898) ab, der im Finde Siecle zwar ebenfalls hocherotische, aber vergleichsweise karikaturhafte, satirische Frauenbilder schuf. Von Anfang an durchzieht seine figurative Malerei sowohl eine ironisch-melancholische als auch geheimnisvolle Komponente, für die zwei Gemälde aus seiner ersten Malperiode als Beispiele dienen mögen. In diesen Bildzyk­len gelingt es Delcol, einzelne Gegenstände – und hier steht er der Pop-Kunst nahe – wie Wasserhähne, Küchenutensilien, Tücher, Hüte oder Blumen seinen Darstellungen unbekleideter weiblicher Individuen einzufügen und ihnen eine irrationale Aura und tiefere Symbolik zu geben, der man sich kaum entziehen kann.

Sans paroles (zerplatzter Luftballon), Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm, 1973

Seit den achtziger Jahren wird seine Palette bunter. Er wendet sich auch Landschaftsmotiven zu, in die collagenhaft Fragmente weiblicher Körper mit einbezogen sind. Seine weiblichen Figuren agieren manchmal nicht nur theaterhaft vor dunklen Bühnenhintergründen und vor Meeressilhouetten, sondern sind auch wirkungsvoll in Räume oder Parks eingebunden. Hier und dort gehen sie eine geheimnisvolle Verbindung mit Sujets oder Gestalten aus der Welt der Historie ein, die der Maler charakteristisch im Stil der Postmoderne hinzufügt. Mit diesem Kunstgriff nähert sich Delcol thematisch dem zeitgenössischen kalifornischen Maler Mel Ramos, dessen weibliche Akte jedoch von einer kühlen Glätte und distanzierten Haltung sind, die ihnen jeden Bezug zur Wirklichkeit und letztlich auch die Sinnlichkeit nehmen. Die weiblichen Figuren Delcols vermitteln jedoch in ihrer unmittelbaren vitalen Präsenz, die den Akten Philipp Pearlsteins ähnlich sind, eine erotisch sinnliche Ausstrahlung. Sie treten mit dem Betrachter in einen unmittelbaren Kontakt und beziehen ihn in ihre Handlungen, Bewegungen und Gesten mit ein.

Abb.4: Sans paroles (blauer Schal), Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm, 1976

Die dritte bis jetzt anhaltende Phase seiner Malerei leitete Roland Delcol in den neunziger Jahren ein: Häufig werden seine Darstellungen nun mit drei und mehr Figuren aus der Kunst- und Filmgeschichte erfüllt. Im zentralen Bildgeschehen steht meistens ein nacktes Modell, das in eine aktuelle Alltagssituation einbezogen ist. Es handelt sich beispielsweise um Figuren aus Rembrandts Anatomie des Doktor Tulp oder aus Louis Davids Tod des Jean Marat. Monets Gartenbilder und Gemälde des Orientalismus dienen seitdem ebenfalls als Kulisse. So werden verschiedene Zeitebenen und Kulturen miteinander verbunden, was überraschende Effekte entstehen lässt. Etwa wenn ein nacktes Paar sich vor einer Moschee liebt oder eine Odaliske, in üppigen Monetschen Gärten liegend, dem tanzenden Fred Astaire zuschaut. Aber fast durchweg tragen die Modelle, die in ihrer Nacktheit so gar nicht entblößt wirken, einen Ausdruck des Fragens, des Erstaunens in ihrem Blick oder in ihrer Haltung. Dabei verweisen sie in ihrer selbstbewussten Nacktheit einerseits den Betrachter in eine vergangene und phantastische Welt der Kunst, andererseits führen sie ihn mit ihrer prallen, fast naiven Nacktheit ins Leben mit all seinen Sinnen.
Eine wesentliche Intension, die in Delcols Malerei steckt, trifft wohl der Dichter Louis Scutenaire, wenn er sagt: „Delcol peint, non pour vivre en compagnie de modèles nus, mais pour que les modèles nus soient la compagnie de chacun.“ Das ist es wohl, was uns an den Bildern Delcols so überrascht, dass sie den Betrachter am erotisch geschulten Auge des Künstlers sinnlich teilhaben lassen und zugleich eine meisterhafte illusionistische Malerei mit überraschender Phantasie vor Augen führen.

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