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Veranstaltung: Pubertät: Wenn aus Kindern Behandlungspartner werden

Veröffentlicht am Montag 15 März 2010 13:23:56 von aschilke
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„In der Pubertät geht aufgrund alterstypischer Autonomieprozesse die elterliche Kontrolle über die ADHS-Therapie verloren. Daher ist es wichtig, dem Betroffenen rechtzeitig die Bedeutung der Therapie für seine weitere Entwicklung zu verdeutlichen und ihn als Behandlungspartner zu gewinnen“, appellierte Dr. Klaus-Ulrich Oehler, Würzburg, an die 180 Kinder- und Jugendärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater, die am 5. ADHS-Gipfel1 in Hamburg teilnahmen. Bei dieser Überzeugungsarbeit könne es hilfreich sein, ergänzte Prof. Jörg Fegert, Ulm, dem jugendlichen Patienten die Therapieerfolge in für ihn wichtigen Bereichen vor Augen zu führen, wie eine harmonische Partnerschaft oder eine erfolgreiche Integration in die Peergroup. Denn in dieser Altersgruppe habe ein gelungener Nachmittag unter Freunden maßgeblichen Einfluss auf die Lebensqualität, so der Referent weiter.

Eine große Herausforderung besteht darin, dass viele Jugendliche, die an einer Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden, im Zuge des Loslösungsprozesses vom Elternhaus ihre Therapie abbrechen. Oft stehen sie einer Medikamenteneinnahme kritisch gegenüber. Eine Therapie, die speziell an den Anforderungen einer jugendlichen Lebenswelt ausgerichtet ist, kann dabei das entscheidende Kriterium für die Therapiefortführung bedeuten.

Jugendliche & ADHS
Während die ADHS in der Kindheit mit ihren Kernsymptomen ein klar umrissenes Störungsbild aufweist, wird dieses mit zunehmendem Alter unschärfer (s. Grafik).2 So führt eine unbehandelte oder nicht ausreichend behandelte ADHS zu verstärkten Schwierigkeiten: Die Folgen können eine eingeschränkte soziale Beziehungsfähigkeit und familiäre Konflikte3 sein. Auch die Konsequenzen für die Schule und den Beruf sind weitreichend. Es kommt zu fehlenden beziehungsweise niedrigeren Schulabschlüssen4 und folglich auch zu geringeren beruflichen Qualifikationen5. Aber auch das Gesundheitswesen6 ist aufgrund von mehr Auto- und Motorradunfällen7,8 betroffen. „Gerade bei dem Aspekt der Verkehrssicherheit ist die Frage nach der richtigen Medikation bedeutsam“, so Oehler weiter. Denn Verkehrsunfälle sind in der Altersgruppe der 15 bis 25-Jährigen die Todesursache Nummer eins. Oehler wies darauf hin, dass in diesem Zusammenhang retardierte Präparate, die bis in die frühen Abendstunden wirken, wie zum Beispiel Concerta®, eine angemessene Therapieform seien, da das lange Wirkzeitfenster parallel zum jugendlichen Alltag verlaufe.

Für eine Therapiekontinuität könne es hilfreich sein, die Bedürfnisse der Altersgruppe in die Praxisstruktur zu integrieren, informierte Oehler, und zum Beispiel jeden Tag innerhalb eines festgelegten Zeitfensters offene Termine anzubieten. So könnten die Jugendlichen spontan und ohne vorherige Terminabsprache in die Praxis kommen, um die dringendsten Probleme direkt zu erörtern.

Erwachsene & ADHS
Die Prävalenz der ADHS im Erwachsenenalter liegt laut einer aktuellen Metaanalyse9 bei 2,5 Prozent. „Die Symptome, die vor allem im Kindesalter ins Auge stechen, verlieren im Erwachsenenalter an Dominanz“, legte Prof. Götz-Erik Trott, Aschaffenburg, dar. Bestehen bleiben jene, die die Lebensqualität in besonderer Weise einschränken: Aufmerksamkeitsstörungen, motorische Unruhe, mangelnde Affektkontrolle, Impulsivität und emotionale Überreaktionen.

Eine Verbesserung der Lebensqualität und die Vermeidung sekundärer Komplikationen, wie psychiatrische und somatische Störungen, ist Ziel der Behandlung. Daher richten sich Art und Dauer nach der Schwere der Erkrankung und den individuellen Beeinträchtigungen des Patienten. Die beiden tragenden Säulen der Therapie sind die Psychotherapie und die Pharmakotherapie. „Dabei ist die medikamentöse Therapie die Behandlungsmethode, die sich als effektiv erwiesen hat“, resümierte der Experte. Etablierter Standard in der Pharmakotherapie der ADHS ist eine Behandlung mit Stimulanzien (Methylphenidat).10,11 In Deutschland ist Methylphenidat für eine Behandlung bei Kindern ab 6 Jahren bis zum 18. Lebensjahr zugelassen. Gleichwohl würden viele Patienten einer Dauertherapie über diesen Stichtag hinaus bedürfen, um eine angemessene Lebensqualität erreichen und halten zu können, fasste Trott die aktuelle Situation zusammen.

Quellen:

1 „ADHS-Therapie: Zwischen Kontinuität und Individualität“, 5. ADHS-Gipfel der Janssen-Cilag GmbH, 05.-07. Februar 2010, Hamburg.

2 Barkley RA. Attention-Deficit Hyperactivity Disorder Handbook 3d ed. 2005.

3 Barkley RA et al. The adolescent outcome of hyperactive children diagnosed by research criteria-III. Mother-child interactions, family conflicts and maternal psychopathology. J Child Psychol Psychiatry. 1991;Jan;32(2): 233-255.

4 Barkley RA. Attention-Deficit Hyperaktivity Disorder. A Handbook for Diagnosis and Treatment. 1998.

5 Mannuzza S et al. Educational and occupational outcome of hyperactive boys grown up. J Am Acad Child Adolesc Psychiatry. 1997;36:1222-1227.

6 De Ridder A et al. Healthcare Use, Social Burden and Costs of Children With and Without ADHD in Flanders, Belgium, Clinical Drug Investigation. 2006;26(2):75-90(16).

7 National Highway Traffic Safety Administration (NHTSA) 1997. www.nhtsa.gov/. Stand Februar 2010.

8 DiScala C et al. Injuries to children with attention deficit hyperactivity disorder. 1998;102(6): 1415-1421.

9 Simon V et al. Prevalence and correlates of adult attention-deficit hyperactivity disorder: meta-analysis. BJPsych 2009, 194: 204-211. doi:

10.1192/bjp.bp.107.048827.

10 Banaschewski T et al. Long-acting medications for the hyperkinetic disorders. A sytematic review and European treatment guideline. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2006;20(19):1-20.

11 NICE 2008: CG72 ADHD: guidance.nice.org.uk/CG72. Stand Februar 2010.


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