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Allgemeinmedizin: Psychische Erkrankungen auf Rang vier der Krankheitskosten

Veröffentlicht am Donnerstag 20 Februar 2003 09:03:12 von aschilke
medizin.gifDGPPN-Kongress in Berlin mit über 1.600 Teilnehmern
Neue Forschungsergebnisse: zunehmende Belege für Hirnschädigungen durch Ecstasy


Depressionen stehen inzwischen weltweit auf Rang zwei der die Lebensqualität von Patienten beeinträchtigenden Erkrankungen. Schizophrenie verursacht weltweit die höchsten Krankheitskosten. Die Zahl der Demenzkranken in Deutschland wird mittlerweile auf 1,5 Millionen geschätzt, Tendenz steigend. Alkoholkrankheit verursacht vermutlich Kosten von bis zu 40 Milliarden Euro im Jahr. Solche Schlaglichter zeigen: Die Psychiatrie und Psychotherapie entwickelt sich rasant zu einem der wichtigsten Bereiche des Gesundheitswesens im 21. Jahrhundert. Entsprechend hoch ist das Forschungs- und Ausbildungstempo, wie der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) vom 27. bis zum 30. November 2002 verdeutlicht.
Schon die Taktfolge und die Wahl des Kongressortes zeigen die zunehmende Bedeutung des Faches Psychiatrie und Psychotherapie: "Fand der DGPPN-Kongress bis zum Jahr 2000 alle zwei Jahre in wechselnden Orten statt," erläutert DGPPN-Präsident Prof. Max Schmauß, "so trifft sich die Fachwelt inzwischen jährlich in Berlin, wo auch politisch die Uhren schlagen." Die steigenden Teilnehmerzahlen bestätigen den Trend: Sie haben sich seit 1998 auf 1.600 verdoppelt; hochrangige Kapazitäten aus dem In- und Ausland suchen den Wissensaustausch in Berlin. Während des Kongresses findet zudem auch der Deutsche Psychiatertag statt, das Spitzentreffen der niedergelassenen Psychiater/Psychotherapeuten und Nervenärzte. "Insbesondere wollen wir in Berlin die gesundheitspolitischen Initiativen verstärken und zur Diskussion mit Parlamentariern und Regierungsmitgliedern einladen", umreißt Kongresspräsident Prof. Henning Saß die Zielrichtung.

In den folgenden beiden Texten haben wir für Sie die neuesten Entwicklungen und Ergebnisse aus der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung und Forschung zusammengestellt: Neue Entwicklungen in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland Psychische Erkrankungen so kostenintensiv wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Die Versorgung psychisch Erkrankter hat sich in den letzten Jahrzehnten in Deutschland eindeutig in Richtung wohnortnahe und ambulante Versorgung verschoben. Dennoch liegen die direkten Krankheitskosten bei psychischen Erkrankungen inzwischen auf Rang vier unter allen Krankheitsgruppen und damit fast gleichauf mit Erkrankungen des Kreislaufsystems und Erkrankungen des Skeletts, worunter zum Beispiel das Volksleiden Rückenschmerzen fällt. "Das bedeutet, dass heute immer mehr Menschen psychisch erkranken oder die Inanspruchnahme psychiatrisch-psychotherapeutischer Versorgung zunimmt", erläutert DGPPN-Geschäftsführer Jürgen Fritze.

Ein Allgemeinarzt hat rund ein Viertel Patienten mit psychischen Erkrankungen
Bei der ambulanten Versorgung zeigt sich jedoch eine deutliche Schieflage: Von depressiv Erkrankten – in Deutschland rund 10 Prozent der Frauen und 5 Prozent der Männer – weiß man, dass sie zu 80 Prozent regelmäßig ihren Hausarzt aufsuchen. Untersuchungen zeigen jedoch, dass weniger als 50 Prozent der Depressionen als solche diagnostiziert und davon wiederum nur die Hälfte angemessen behandelt werden. "Ein Allgemeinarzt hat sehr viele depressiv kranke Patienten in seiner Praxis", stellt Prof. Fritze fest. "Seine psychiatrischen und psychopharmakologischen Kenntnisse stammen oft jedoch im Wesentlichen aus dem Medizinstudium und waren bisher in der Facharztweiterbildung nicht wirklich verankert. Die DGPPN fordert daher, die Aus- und Weiterbildung von Medizinern viel stärker auch auf psychiatrische Inhalte auszurichten und die Stellung des Psychiaters und Psychotherapeuten in der Versorgungslandschaft zu stärken."

Krankenhausbudgets: Die Nullrunde und die Psychiatrie
Das für 2003 vorgesehene DRG-System bedroht die psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosomatischen stationären Einrichtungen in mehrerlei Hinsicht: Obwohl diese Einrichtungen vom DRG-System ausgenommen sind, enthält der DRG-Katalog psychiatrische DRGs, um somatischen Einrichtungen die Abrechnung – dort überwiegend fehlallozierter – psychiatrischer Patienten zu ermöglichen. Dies kann Präzedenzen für die Übertragung des DRG-Systems auch auf die psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosomatischen Einrichtungen liefern. Die Prinzipien der derzeitigen DRG-Systematik sind aber für psychische Krankheiten ungeeignet. Mindestens 20 Prozent der somatisch Kranken weisen behandlungsbedürftige psychische Begleitkrankheiten auf. "Um eigene Ressourcen zu schonen, werden die für das DRG-System optierenden somatischen Einrichtungen diese Komorbiditäten dazu nutzen, diese Kranken frühzeitig in psychiatrisch-psychotherapeutische und psychosomatische Einrichtungen zu verlegen", schließt Prof. Fritze. Nachdem das Vorschaltgesetz vorsieht, die optierenden Häuser von der Nullrunde zu verschonen und die Frist für das Optieren bis zum 31.12.2002 zu verlängern, ist damit zu rechnen, dass nahezu alle Krankenhäuser optieren werden. Für Prof. Fritze ergibt sich daraus die dringende Frage, wie die psychiatrisch-psychotherapeutischen und psychosomatischen Einrichtungen den Ansturm infolge Verlegungen meistern sollen, wenn schließlich nur sie der Nullrunde unterliegen.

Neues aus der psychiatrisch-psychotherapeutischen Forschung: Ecstasy fördert psychotische Störungen und Hirnfunktionsschäden
Alarmierend sind die jetzt am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf aufgedeckten Zusammenhänge zwischen dem Konsum der Techno-Droge Ecstasy und psychischen Störungen. Mehr als ein Viertel der Konsumenten, so die Studie von Prof. Rainer Thomasius, weisen in einem Zeitraum von zwölf Monaten psychotische Störungen auf, insbesondere Halluzinationen, Personenverkennungen oder Wahnvorstellungen. Dabei sind Dauerkonsumenten mit fast 50 Prozent besonders stark betroffen. Deutliche Hinweise gibt es auch auf Hirnfunktionsschäden, die vor allem Gedächtnisleistungen und die Psychomotorik betreffen. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass das Gehirn durch den Ecstasy-Konsum auf Dauer geschädigt wird. Eine amerikanische Untersuchung liefert sogar deutliche Hinweise, dass Ecstasy im Gehirn von Primaten die Wirkung eines Nervengifts hat und die Botenstoffe Dopamin und Serotonin stark reduziert. Von fünf Totenkopfaffen, die Ecstasy in einer Dosierung verabreicht bekommen hatten, die der von Partygängern entspricht, starb einer sofort an Überhitzung, einer wies motorische Störungen auf, nur drei blieben scheinbar unbeeinflusst. Dennoch wiesen alle überlebenden Tiere zwei Wochen nach dem Experiment deutliche Defizite im Serotonin- und Dopamin-Haushalt verschiedener Hirnregionen auf. Ein Experiment mit Pavianen erbrachte analoge Ergebnisse. Vor dem Hintergrund, dass der Dopamin-Haushalt des Gehirns bei der Parkinson-Krankheit um 70 bis 80 Prozent verringert ist, könnte regelmäßiger Ecstasy-Konsum eine Parkinson-Erkrankung im jungen Erwachsenenalter begünstigen, aber auch das Risiko, im Alter an Parkinson zu erkranken, deutlich erhöhen.

"Eppendorfer Familientherapie" mit Modellcharakter
Von Prof. Thomasius wurde in den letzten Jahren außerdem ein Projekt durchgeführt, das deutschlandweit Modellcharakter besitzt. Bei der so genannten "Eppendorfer Familientherapie" wurden 86 Familien mit einem drogenabhängigen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen therapeutisch behandelt; die Ergebnisse wurden in einer begleitenden Studie ausgewertet. Die Therapie zielt nicht auf die Substitution, sondern die Beendigung des Drogenkonsums ab, und zwar unter Einbeziehung der Eltern und Geschwister der Abhängigen. Die gesamte Familie nimmt an der Therapie teil, wodurch sich auch die Beziehungen und psychischen Befindlichkeiten innerhalb der Familie verbessern sollen, die möglicherweise einer der Ausschlag gebenden Faktoren für das Drogenproblem der Jugendlichen sind. Nach Beendigung der Therapie hatte sich bei 61 Prozent die Suchtproblematik deutlich verbessert, was der Erfolgsquote in betreuten therapeutischen Gemeinschaften entspricht, die zum Vergleich herangezogen worden waren. Nach rund zwei Jahren hatten sich auch die Familienbeziehungen so stabilisiert, dass sie aus therapeutischer Sicht als zufriedenstellend bezeichnet werden konnten.

Haschischkonsum bringt Schizophrenie zum Ausbruch
Aufschlussreiche Erkenntnisse gibt es aus der Klinik von Prof. Joachim Klosterkötter, Universität Köln, zum Einfluss von Cannabiskonsum und zum körpereigenen Cannabinoid-System. Eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung einer Schizophrenie-Erkrankung spielt Anandamid, einer der zentralen Botenstoffe des körpereigenen Cannabinoid-Systems. Im Nervenwasser von unbehandelten Schizophrenie-Patienten wurde ein um das Achtfache erhöhter Anandamidwert gefunden. Der Konsum von Cannabis in Form von Haschisch oder Marihuana könnte einer der auslösenden Faktoren sein, die eine genetisch bedingte Veranlagung zur Schizophrenie aktivieren. Trägt ein Mensch bestimmte Varianten des Disbindin-, Neuregulin- oder COMT-Gens in sich, so Forschungen von Prof. Wolfgang Maier von der Universität Bonn, hat er ein erhöhtes Schizophrenie-Risiko. Diese Varianten kommen durchaus häufiger vor; noch vor dem Ausbruch der Erkrankung kann anhand neurobiologischer Veränderungen eine beginnende Schizophrenie erkannt und eine Frühintervention begonnen werden. Kommt die Erkrankung indes zum Ausbruch, wird die genetische Prädisposition oft von externen Faktoren aktiviert. Dazu gehört der Cannabiskonsum. Wer regelmäßig Haschisch oder Marihuana zu sich nimmt, hat ein vierfach höheres Schizophrenie-Risiko als ein Nicht-Konsument.

Neurobiologische Faktoren für Phobien entdeckt
Das Cannabinoid-System scheint auch in einem anderen Zusammenhang eine bedeutende Rolle zu spielen, wie am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München erforscht wurde. Es ist für das Abklingen von Angstreaktionen verantwortlich. So genannte "Knockout-Mäuse", bei denen die Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn genetisch ausgeschaltet wurden, zeigten deutlich stärkere und längere Angstreaktionen nach unangenehmen Reizen als normale Artgenossen. Somit liegt der Schluss nahe, dass auch bei Menschen, die unter Phobien – überschießenden Angstreaktionen – leiden, die Cannabinoid-Rezeptoren gestört sein könnten. Zu solchen Phobien gehören extreme Spinnen- und Schlangenängste, Platz- oder Höhenangst, aber auch Ängste nach traumatisierenden Erlebnissen wie Kriegsgräueln, schweren Unfällen, Verbrechen und Naturkatastrophen. "Diese Beispiele zeigen, mit welchen aktuellen Fragestellungen sich die moderne Psychiatrie und Psychotherapie befasst", betont DGPPN-Vize-Präsident Prof. Mathias Berger. "Der DGPPN-Kongress ist für uns ein geeigneter Anlass, auf die beeindruckenden Fortschritte in dem Erkennen, Verstehen und Behandeln psychischer Erkrankungen hinzuweisen. Dabei sind insbesondere die Erfolge bei der Verknüpfung von wissenschaftlichen Erkenntnissen der Neurobiologie mit der Psychologie und Psychotherapie hervorzuheben. Dies scheint der Königsweg zu entscheidenden Fortschritten in der Behandlung psychischer Erkrankungen."

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