medicinebook.de

medicinebook - Medizinbuch - das Healthcareportal

Sexualmedizin: Die Frage nach dem biologischen Vater

Veröffentlicht am Dienstag 13 August 2002 12:21:34 von aschilke
KunstKultur.gifEtwa jedes zehnte Kind in Deutschland wurde von einem anderen gezeugt als demjenigen, der als amtlicher Vater registriert ist. Das Münchner Labor Genedia gilt als erstes Institut in Deutschland, das bereit ist, auch ohne Wissen der Mutter einen Vaterschaftstest durchzuführen. Mehr als zwanzig Anfragen misstrauischer Väter gehen dort täglich ein, die wissen wollen, ob sie nicht nur auf dem Papier die leiblichen Väter sind, verunsichert oder aufgeschreckt durch irgendwelche Ungereimtheiten.

Zwei Hexen, Hans Baldung, 1523

Zur Feststellung des Ergebnisses genügt bereits ein einziges Haar des Kindes und mit Zahlung von etwa DM 2.500,– kann eine molekularbiologische Untersuchung beginnen. In einem dreiwöchigen Verfahren werden die vererbbaren Merkmale des Mannes mit denjenigen des Kindes verglichen, und mit 99,9- prozentiger Wahrscheinlichkeit stellt das Labor im Rahmen eines Gutachtens die Vaterschaft fest oder schließt sie aus. Während es in England bereits umfassende Studien gibt, die belegen, dass etwa 10 Prozent der Kinder nicht vom amtlichen Vater stammen, sind bei uns derartige Untersuchungen noch nicht durchgeführt worden. Allerdings bestätigen jährlich rund 15.000 Vaterschaftstests an den hundert in Frage kommenden Instituten, dass auch bei uns in zehn Prozent der Fälle der Vater ein anderer ist als derjenige, der auf dem Papier steht. Selbst in Zeiten von Aids wird die Treue in Deutschland nicht allzu ernst genommen. Eine kürzlich durchgeführte Studie des Bundesgesundheitsamtes kommt zu dem Schluss, dass etwa 30 Prozent der Frauen, die in festen Beziehungen leben, Geschlechtsverkehr mit anderen Männern eingehen. Darüber hinaus gestanden die Hälfte der befragten Männer und Frauen im Rahmen jener Untersuchung, dass sie aus einem angeblich undefinierbaren Gefühl der Romantik heraus bei derartigen Seitensprüngen nie oder nur ganz selten Kondome verwendeten. Auch eine österreichische Studie belegt, dass Frauen besonders an ihren fruchtbaren Tagen zum Seitensprung bereit sind; man vermutet hier, dass sie einem genetischen Instinkt folgen, der besagt, dass die Paarung mit mehreren Partnern größere Chancen bietet, an hochwertiges Erbgut zu gelangen, um damit dem zukünftigen Kind die bestmöglichen Gene zu verschaffen, obgleich diese Schlussfolgerung doch sehr gewagt erscheint. Beim Mann führen Affären häufig zu potenzierten Erregungszuständen und einer erhöhten Samenproduktion. Damit wird die Chance der Befruchtung ganz erheblich verbessert. Juristisch gesehen ist der ehelich geborene Nachwuchs das Kind des angetrauten Ehemannes. Natürlich kann dieser vor Gericht die Vaterschaft anfechten, falls er diesbezüglich Argwohn hegt, doch muss er Beweise für diese Annahme vorlegen. Lässt er allerdings eine zweijährige Frist nach dem ersten dahingehenden Hinweis verstreichen, ohne rechtliche Maßnahmen einzuleiten, dann gilt der Fall als verfristet, und es gibt für ihn keine Möglichkeiten mehr, hier Gerichte zu bemühen.

Die drei Grazien, Hans Baldung, 1540-41

Das Kind selbst kann jedoch mit Erreichen der Volljährigkeit Klage zur Feststellung der Vaterschaft einreichen, falls er begründete Zweifel hegt. Der wissenschaftliche Fortschritt macht es heute Frauen unmöglich, Männern Kinder unterzuschieben, wenn diese Zweifel an ihrer erbbiologischen Vaterschaft hegen. Sie können die Sache gerichtlich klären lassen oder ein entsprechendes Labor in Anspruch nehmen. Wie viele Männer statistisch gesehen für ein Kind bezahlen, ohne zu wissen, dass sie nicht der biologische Vater sind, belegen keinerlei Studien. Man geht davon aus, dass die Hälfte der biologisch falschen amtlichen Väter zu irgendeinem Zeitpunkt Aufklärung erhalten. Für die andere Hälfte allerdings bleibt die Wahrheit ein Leben lang im Dunkeln. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies, dass in der Bundesrepublik jährlich etwa 40.000 sogenannten amtlichen Vätern Kinder untergeschoben werden, die in biologischer Hinsicht nicht von ihnen stammen, ein Umstand, von dem weder Vater noch Kind jemals Kenntnis erhalten.


Einstellungen