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Gepflegt durchatmen: Langzeitbeatmete Patienten entwöhnen
Datum: Freitag 17 April 2015 09:53:27
Thema: Neues aus der Medizin


Viele invasiv beatmete Patienten werden nicht oder nur sehr verzögert von der maschinellen Beatmung entwöhnt. In speziellen Weaningzentren kann die Mehrzahl der Betroffenen lernen, wieder selbstständig zu atmen. Eine 2014 in der „DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift“ (Georg Thieme Verlag, Stuttgart) veröffentlichte Studie wertete exemplarisch die Daten eines Fachkrankenhauses aus: Etwa 71 Prozent der Patienten konnten hier entwöhnt werden. Für den Beitrag „Entwöhnung von der Langzeitbeatmung: Daten eines Weaningzentrums von 2007 bis 2011“ erhalten der Erstautor Dr. med. Thomas Barchfeld und seine Koautoren den diesjährigen DMW Walter Siegenthaler Preis.

Als Weaning bezeichnen Mediziner die Entwöhnung eines beatmeten Patienten vom Beatmungsgerät. In sogenannten Weaningzentren arbeiten Ärzte, Pflegekräfte, Physio- und Atemtherapeuten gemeinsam daran, den Betroffenen das selbstständige Atmen wieder zu ermöglichen. Oft ist die Atemmuskulatur geschwächt, so dass die Lungen nicht ausreichend belüftet werden. Darüber hinaus können Infektionen der Atemwege oder Wassereinlagerungen im Rippenspalt eine Spontanatmung verhindern.



Das Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft in Schmallenberg gehört mit etwa 200 Patienten pro Jahr zu einem der größten Weaningzentren in Deutschland. „Wenn die Patienten hier eintreffen, haben sie oft mehrere erfolglose Entwöhnungsversuche hinter sich“, erklärt Dr. Barchfeld, Leitender Oberarzt am Knappschaftskrankenhaus des Klinikums Westfalen in Dortmund. „Ärzte sollten ihre Patienten frühzeitig in eine Fachklinik überweisen“, rät Professor Dr. med. Heinz Dieter Köhler, ehemaliger Ärztlicher Direktor des Fachkrankenhauses Kloster Grafschaft. Laut internationaler Leitlinien bestünde bereits nach zwei bis vier Beatmungstagen ein Weaningproblem. Darüber hinaus blockierten Beatmungspatienten wichtige intensivmedizinische Behandlungsplätze.

In den Jahren 2007 bis 2011 konnten an der Klinik in Schmallenberg 616 von 867 Patienten entwöhnt werden. Die meisten dieser erfolgreich Behandelten, das sind laut Studie 58 Prozent, kamen nach der Entlassung aus dem Weaningzentrum ohne äußere Unterstützung der Atmung aus. 42 Prozent benötigten noch eine sogenannte intermittierende Maskenbeatmung (NIV), eine Sauerstoffzufuhr über eine Atemmaske. Das Weaning gelingt zudem oft sehr zeitnah – im Durchschnitt nach acht Tagen. Zum Vergleich: Der Mittelwert der Beatmungszeit im Vorfeld der Verlegung liegt bei 41 Tagen. „Auch bei einem Patienten, der zuvor über ein Jahr beatmet worden war, dauerte es nur 15 Tage“, schreiben Dr. Thomas Barchfeld und Kollegen.

Die meisten nicht entwöhnten Patienten starben auf der Intensivstation oder während einer palliativen Betreuung. Andere konnten zur weiteren maschinellen Beatmung in ein Pflegeheim, ein Reha-Zentrum und manchmal sogar nach Hause entlassen werden.

„Im Vergleich zu Daten aus dem Jahr 2002 ist die Zahl der erfolgreich entwöhnten Patienten im Untersuchungszeitraum von 68 auf 71 Prozent gestiegen, obwohl die Betroffenen heute im Durchschnitt älter und ihr Gesundheitszustand insgesamt schlechter ist“, so die Preisträger. Vor diesem Hintergrund wird die Arbeit und Bedeutung spezieller Entwöhnungszentren sicher auch in Zukunft weiter zunehmen.

Die Jury des DMW Walter Siegenthaler Preises überzeugte die 2014 publizierte Arbeit vor allem durch den Umfang sowie die Darstellung der erhobenen Daten. „Die Zahlen belegen, wie erfolgreich spezialisierte Entwöhnungszentren arbeiten und wie wichtig sie für die betroffenen Patienten sind“, betont Professor Dr. med. Martin Middeke, Vorsitzender der Jury und Chefredakteur der DMW.

Die 1875 gegründete DMW, die seit 1887 im Georg Thieme Verlag erscheint, vergibt den nach dem Schweizer Internisten Professor Dr. med. Dr. h. c. Walter Siegenthaler (1923–2010) benannten Preis in diesem Jahr zum 16. Mal. Der mit 5 000 Euro dotierte Preis zeichnet Autoren aus, deren Forschungsarbeit im Vorjahr in der DMW publiziert wurde und prägenden Einfluss auf Medizin und Gesundheit genommen hat und nimmt.







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